Starter-Leitfaden für den Einzug

Auf dem Weg zu Ihrem (vielleicht ersten) Tierschutzhund hier ein paar Impulse, die Sie im Vorfeld und während des Adoptionsvorgangs wissen und beherzigen sollten. Ich selbst kann und muss zugeben, dass ich sehr unwissend vorgegangen bin und dankbar, dass unser Hund sich trotzdem prächtig eingelebt und entwickelt hat.

Sich in die Lage des Hundes versetzen – Perspektivenwechsel  

Sie wissen, dass und wann Ihr Wunschhund bei Ihnen einziehen wird. Die Freude und Aufregung sind groß, alles wird für ein heimeliges Zuhause vorbereitet, Familie und Freunde werden informiert und fiebern mit.

Ihr Hund aber weiß von all dem nichts und wird von heute auf morgen und von einem Moment auf den anderen aus seinem aktuellen Umfeld herausgerissen. Das bedeutet einfach nur Stress.

Wir stellten bei unserem Hund anfangs zwei bis drei Tage lang einen sehr unangenehmen Körpergeruch fest. Erst später wurde uns klar, dass er einen unglaublich hohen Stresspegel gehabt haben muss.

Territorium erkunden und Einzug gestalten

Statt mit der gesamten Familie und Freunden den neuen Mitbewohner lautstark jubelnd willkommen zu heißen oder ihn gleich überall herumzuzeigen, ist es sinnvoller, zunächst alleine oder mit einem anderen Familienmitglied einen gemeinsamen Spaziergang in einer ruhigen Gegend zu machen und zusammen das Haus und die Wohnung zu betreten. Die Bewegung an der frischen Luft hilft beim Abbau von Stresshormonen, zum anderen kann bereits hier die Führung an der Leine etwas eingeübt werden, erste Bindungsimpulse werden gesetzt.   

 

Sozialisation als blinder Fleck

Die Sozialisationsphase findet bei Hunden in den ersten drei bis vier Monaten ihres Lebens statt (ca. 8.-12. / 16. Lebenswoche). Hier kommt der Welpe im Optimalfall in sein „Rudel“ und lernt alles kennen, was es an Regeln und Rangordnung zu beachten gibt. Darüber hinaus werden Strukturen geschaffen, Umweltreize verarbeitet und abgespeichert. Alles, was es im Sozialleben zu lernen gibt, findet in diesem Zeitraum statt – oder eben nicht.

Deshalb wichtig zu beachten: Was bei Ihrem (Wunsch-)Hund in der Sozialisationsphase abgelaufen ist, kennen Sie oftmals nicht und Sie konnten die Entwicklung noch nicht beeinflussen. Unter Umständen war sie alles andere als positiv und hat nicht zu einer klaren Struktur oder sozial förderlichen Gewohnheiten geführt. Je nachdem, wo und wie der Hund bisher gelebt hat, kennt er viele für Sie normale Gegebenheiten und Reize nicht.  

 

Volle Verantwortungsübernahme

Auch, wenn die Aufregung auf beiden Seiten groß ist, sollte der Mensch von Beginn an die Verantwortung und Führung übernehmen. Sobald der Hund meint diese Rolle übernehmen zu müssen, fühlt er sich verpflichtet, sämtliche Reize aufzunehmen und Situationen zu „managen“. Das Ergebnis ist u.a. ständiges Herumbellen oder an der Leine zerren. Sie sind der Orientierungsgeber und dennoch sollte das Verhalten dem Anfangsstress angemessen ruhig und nicht aggressiv oder hektisch sein.

Hereinspaziert – das neue Zuhause betreten

Auch hier gilt: Gemeinsam ankommen und etwas erkunden macht viel mehr Spaß und entspannt den vermutlich überreizten Neuling. Das heißt Sie betreten zusammen mit Ihrem Hund das Haus, dieser bleibt nach wie vor angeleint, so dass Sie auch hier die Wegführung vorgeben. Es kann sein, dass seinerseits zunächst Angst besteht und er sich nicht in die Wohnung traut. Zu diesem und auch weiteren „Problemen“ – oder besser besonderen Situationen – kann ich die Ratschläge von DogsTV empfehlen.

Entspannungsphase einläuten

Nach der Wohnungsbesichtigung und einem Wasserangebot sollte er erst einmal in Ruhe auf seinem Schlaf- oder Liegeplatz ankommen dürfen. Eine ruhige Ecke, aber mit Blick und in der Nähe seiner neuen Menschen sind am besten. Eine dünne Hausleine kann dabei helfen, ihn beim Aufstehen sanft wieder zu seinem Platz zu führen, ohne ihn zu bedrängen. Vielen Hunden tut es jetzt gut, aus sicherer Distanz die neuen Räumlichkeiten, Menschen und deren Verhalten zu beobachten. In den ersten Tagen sind eine entspannte und ruhige Atmosphäre ein elementarer Baustein im Eingewöhnungsprozess.

Achtsamkeit

Ängstliche oder unsichere Hunde fühlen sich bspw. durch viel Aufmerksamkeit eher überfordert und gestresst. Dauernde Beschallung mit Worten, Liebesbekundungen oder Kümmern kann dann dazu führen, dass der Hund plötzlich knurrt oder sogar schnappt, weil er sich nicht anders zu helfen weiß. Generell ist auf jeden Fall der Besuch bei einem ausgebildeten Hundetrainer bzw. Experten hilfreich, um bewusster, souveräner und selbstverständlicher kommunizieren zu lernen.  

Übergang zu neuen Strukturen

Die Umstellung von Tierheim oder Pflegestelle auf das neue zu Hause kann leichter fallen, wenn zunächst der gewohnte Ablauf beibehalten werden, um dann sukzessive in neue Strukturen zu überzugehen. Jeder Hund schläft oder ruht übrigens bis zu 20 Stunden am Tag. Diese Ruhe ist notwendig, da das Stresshormon Cortisol ca. 6 stressfreie Tage benötigt, um vom Körper wieder abgebaut zu werden. Solange es im Körper bleibt, wirkt es sich unter Umständen auch auf das Verhalten aus.

Erwartungen loslassen  

Menschen neigen dazu, das Verhalten des Hundes zu interpretieren und zu bewerten und zwar nach menschlich-psychologischen Vorstellungen. Und sie erwarten oft viel zu schnell zu viel (siehe Punkt Perspektivenwechsel).

Hunde kommunizieren zwar sehr klar und sind nicht so komplex, wie wir das vielleicht denken, weil wir von uns selbst ausgehen. Sie kommunizieren aber in ihrer ganz eigenen Sprache, Art und Weise und diese gilt es nach und nach zu begreifen. Wer das verstanden oder gelernt hat, kann besser selbst mehr in die Beobachtung als in ständigen Aktionismus gehen oder so agieren, wie es den Bedürfnissen des Hundes wirklich entspricht.

Angstfrei alleine bleiben

Regelmäßige Ruhephasen auf seinem Liegeplatz helfen dem Hund dabei, das Alleinbleiben zu schulen. Und zwar indem der Hund versteht und merkt, dass er nicht ständig Aufmerksamkeit bekommt und unterhalten wird.

Kurze Gassirunden statt Ausdauersport

Am Anfang geht es eher darum, kurze Impulse zu setzen, zu lange Spaziergänge erfordern unter Umständen zu viel Reizkompensation, da all die neuen Informationen verarbeitet werden müssen. Die Länge der Gassirunden kann dann allmählich gesteigert und mit individuell gestalteten Programmpunkten gefüllt werden. Aber auch hier gilt zunächst zu schauen, welche Art der Aktivität passt sowie nach und nach immer mehr Reize oder Kontakte in den Alltag zu integrieren.

Wenn ich das alles früher gewusst hätte …

Wie bereits angedeutet, habe ich so ziemlich alles falsch gemacht und bin froh, dass unser erster Tierheimhund im Grunde gut sozialisiert und verträglich war, als er bei uns einzog. Im Rückblick hat es etwa 1 Jahr gedauert, bis wie uns alle aneinander gewöhnt hatten und ich lerne ständig dazu. Es ist auch beim Thema Hunde noch kein Meister vom Himmel gefallen und aller Anfang ist mitunter schwer, schließlich wird auch der eigene Alltag über den Haufen geworfen.

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