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Hunde-Eigenschaften sind Herausforderung und Geschenk

Aktualisiert: Feb 2

Sigrid Petra Busch betreibt eine Praxis für Tiertraining, Tierenergetik und Tierkinesiologie in Niederösterreich. Das Thema Tierschutz bildet einen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Sie hat gemeinsam mit anderen Tierschützern den Verein „Streunerhoffnung Österreich“ gegründet und engagiert sich im Bereich Straßenhunde-Management. Außerdem ist sie Autorin verschiedener Bücher, u.a. „Der Tierschutzhund – Behutsame Eingewöhnung und achtsames Training“ und "Das Tao der Hunde". Weitere Informationen auf www.mittierenleben.at.


Wann und wie bist Du auf den Tierschutzhund gekommen?

Der erste eigene Hund aus dem Tierschutz ist vor ziemlich genau 13 Jahren bei mir eingezogen. Eine rumänische Straßenhündin, die in Österreich auf einer Pflegestelle untergebracht war. Sie ist selbstbewusst, mutig, eigenständig und intelligent - und damit eine perfekte Mischung, um vieles zu lernen. Im Laufe der Jahre sind zwei weitere Rumänen bei mir eingezogen.


Wie bist Du bei der Auswahl Deiner Hunde vorgegangen?

Das war abhängig von meinem jeweiligen Wissens- und Erfahrungsstand. Ich muss gestehen, dass ich bei der Adoption meiner ersten Hündin noch recht blauäugig an die Sache herangegangen bin. Die Vorbereitung seitens der Tierschutzorganisation war gut, die Vorkontrolle sehr genau. Trotzdem hat man manchmal als Neo-Adoptant*in gewisse Vorstellungen und Erwartungen, die sich mit der Realität nicht decken. Eine Portion Naivität mischt auch mit. Meiner ersten Hündin Sweetie bin ich daher immens dankbar, dass sie mich eines Besseren belehrt und meine heutige Aufgabe, Mensch-Tier-Teams ganzheitlich zu begleiten, maßgeblich geprägt hat. Viele Erfahrungen mit ihr haben Eingang in meinen Ratgeber „Der Tierschutzhund – behutsame Eingewöhnung und achtsames Training“ gefunden.

Ganz anders wiederum habe ich mich auf den Einzug meines dritten Tierschutzhundes Etu vorbereitet. Er war ein Angsthund, der sich anfangs nicht berühren ließ, komplett erstarrte und sich am liebsten weggebeamt hätte. Es war eine ganz bewusste Entscheidung, so einem Tier eine Chance zu geben, da ich sowohl die räumlichen also auch persönlichen Ressourcen hatte – und mit meinen beiden Ersthündinnen extrem wertvolle Unterstützerinnen.


Welche Erkenntnisse hast Du gewonnen?

- Wenn man sich auf ein Tier einlässt, auf seine Eigenheiten, seine Bedürfnisse, es fördert, dann verändert man sich selbst ebenfalls.

- Hunde passen immer in das System (= Lebensumfeld), in das sie kommen, wenn der Mensch sich darauf einlässt.

- Lassie ist kein Hund ;-)


Mit welchen besonderen Eigenschaften wurdest Du im Zusammenleben mit den Hunden konfrontiert oder auch beschenkt?

Jede Eigenschaft hat positive und negative Aspekte. Ob ich es so oder so sehe, hängt primär von meiner eigenen Haltung ab. Und genau das konnte ich mit meinen Tierschutzhunden lernen und leben.

Absolute Eigenständigkeit und Freiheitsliebe waren wohl meine (!) größten Herausforderungen bei meiner ersten Tierschutzhündin. Aber welches Geschenk hat sie genau damit mir und mit ihrem Mut meinem Angsthund gemacht, der sich anfangs sehr stark an ihr orientiert hat. Ressourcenschonung - meine zweite Hündin lebte einige Jahre auf der Straße, bevor sie zu mir kam. Sie wusste immer ganz genau, wofür sie ihre Energie einsetzt (Futter steht da natürlich an erster Stelle), wann es Zeit ist zu ruhen und wann es Zeit ist, auch einmal Gas zu geben. Sie hat sich niemals verausgabt (im Gegensatz zur freiheitsliebenden Hündin) und kommuniziert ganz klar, was ihr guttut und was nicht.

Sanftmut und Zartheit, die trotz schlechtester Erfahrungen bewahrt wurden. Wenn ich jetzt genauer darüber nachdenke, sind das großartige Eigenschaften meines Angsthundes.

Allen gemeinsam ist die Lebensfreude, die man sich als Mensch öfter einmal abschauen sollte. Freude so offensichtlich nach außen zu zeigen, ist mE eine ganz besondere Eigenschaft, die Hunde haben, und die uns ein wenig zum Reflektieren bringen sollte.

Haben wir Menschen eine zu romantische Vorstellung von einer Adoption?

Ich möchte nicht pauschal behaupten, dass Menschen generell eine zu romantische Vorstellung von einer Adoption haben. Der Tierschutz ist ein sehr sensibler Bereich, der mit vielen Emotionen gekoppelt ist und wo viele Sichtweisen und Welten aufeinanderprallen können. Mir persönlich ist es immer wichtig, sowohl mit Liebe und Leidenschaft aber auch mit Sachlichkeit und Vernunft an Adoptionen heranzugehen – zum Wohle aller Beteiligten! Denn auch eine missglückte Adoption kann Trauer, Schmerz und Trauma verursachen. Dies lässt sich durch eine gute, intensive Vorbereitung vermeiden.

Als Beispiel führe ich immer wieder das Thema „Dankbarkeit“ an. Dankbarkeit ist eine sehr menschliche Sicht. Versetzen Sie sich in die Situation eines Straßenhundes, der gelernt hat, sein Leben alleine zu meistern. Er ist frei, kann hingehen, wo er möchte bzw. hat gelernt, wo es sicher für ihn ist, wo er aufpassen muss. Hat seine eigene Struktur. Manche Tiere leben ländlich, haben weniger Menschenkontakt. Dann werden diese Hunde von der Straße geholt. Oft natürlich weil es absolut notwendig ist, da sonst Gefahr für Leib und Leben besteht. Dann wiederum gibt es z.B. Tiere, die aus Animal Hoarding Situationen gerettet werden, die traumatisiert sind, möglicherweise sehr scheu und unzugänglich.

Diese Tiere aus genannten Situationen sind nicht unbedingt „dankbar“, wenn sie jetzt in enger Nähe zu einem fremden Menschen leben sollen. Auf unbekannten Untergründen (Parkettböden, Fliesen), mit engen Türstöcken, rutschigen Stufen, lautem Verkehr rundherum, vielen anderen Hunden, die rundherum Gassi geführt werden usw. Es kommt zu einer heillosen Reizüberflutung und damit einer massiven Stressreaktion.

Wenn ich davon ausgehe, dass mir der Hund sein ganzes Leben lang dankbar sein wird und alles für mich tut, weil ich ihn „gerettet“ habe, dann sollte ich davon Abstand nehmen, einen Hund aus dem Tierschutz zu adoptieren. Eine Adoption ist immer ein kleines Abenteuer, etwas, auf das ich mich einlasse mit viel Akzeptanz, Neugierde und dem Willen mich selbst weiterzuentwickeln und mit dem Tier gemeinsam zu lernen. Das sind gute Voraussetzungen für ein zufriedenes gemeinsames Leben.

Wie stehst Du zu der These, dass ein Straßenhund unter Umständen in seiner gewohnten Umgebung besser zurechtkommt als in einer kuscheligen Menschenwohnung?

Dem kann ich nur zustimmen. Wenn Sicherheit und Versorgung gewährleistet sind, ist es für manche Hunde besser, in der gewohnten Umgebung zu bleiben. Straßenhund ist nicht gleich Straßenhund. Hat er regelmäßig Menschenkontakt? Gar keinen Menschenkontakt? Lebt er ländlich oder in der Stadt? Wurde er ausgesetzt oder auf der Straße geboren? Das Herausreißen aus der gewohnte Umgebung verursacht bei manchen dermaßen viel Stress, dass sie sich an ein neues Leben in „Geborgenheit“ nicht mehr gewöhnen können und ein Leben lang mit der Anpassung kämpfen.

Man muss hier wirklich seitens der vermittelnden Organisationen mit viel Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein vorgehen – an beiden Enden. Auf der einen Seite bezüglich der guten Vorbereitung der Adoptanten, auf der anderen Seite mit der Einschätzung, welches Tier tatsächlich für eine Vermittlung geeignet und bereit ist, welche Tiere die Chance auf ein stressfreies Leben haben und welche Tiere bei guter Versorgung vielleicht besser an ihrem derzeitigen Lebensplatz bleiben können.

Wichtig sind hier die Aufklärung der Menschen vor Ort, begonnen bei den ganz Kleinen, kostenlose medizinische Versorgung der Tiere, Kastrationen – ein gutes Straßenhundemanagement einfach. Nachhaltiger und langfristiger Tierschutz muss an der Ursache ansetzen. Kurz- und mittelfristig sind Vermittlungen wichtig und richtig. Um das Leid der Tiere zu beenden, ist es jedoch unumgänglich, dass sich vor Ort die Lebenssituation für sie ändert.


Wie weiß ich, welchem Hund ich mit der Aufnahme Gutes tue?

Als Adoptant ist das sehr schwierig. Da nehme ich die vermittelnden Tierschutzorganisationen, Tierheime etc. in die Pflicht: die Menschen, die direkt an den Tieren dran sind, ihre Lebenssituation kennen und einschätzen können, ob sich der individuelle Hund an ein neues Leben gewöhnen kann bzw. die definieren müssen, was das jeweilige Tier benötigt und dies dementsprechend in Vorgesprächen abklären.

Um jeden Preis Tiere zu vermitteln, ist für mich kein nachhaltiger Tierschutz. Was man jedoch auch dazusagen muss, ist, dass es sich bei Mensch wie Tier um Lebewesen handelt. Niemand ist vor Fehlern gefeit, es kann immer etwas schiefgehen. Es gibt leider auch Menschen, die sich verstellen können. Man kann in niemanden hineinsehen. Wichtig ist es, aus Fehlern zu lernen. Als Beispiel nenne ich hier die Sicherheitsgeschirre, die glücklicherweise in den letzten Jahren vermehrt zum Einsatz kommen, nachdem viele Hunde direkt nach der Übergabe durch unzureichendes Handling zu Schaden kamen. Fehler können passieren, aber ein zweites Mal den gleichen Fehler zu machen, sollte nicht mehr passieren.


Du sagst, es gibt „magische“ Zeiträume, auf die es ankommt - welche?

Ich habe in meinem Buch über die magischen zwei Wochen und drei Monate geschrieben. Diese Zeiträume sind natürlich nicht in Stein gemeißelt, haben sich aber in der Erfahrung als gute Richtwerte gezeigt.

Der Hund kommt in ein gänzliche neues Umfeld, muss sich an Abläufe, Menschen, Umgebung gewöhnen. Viele Tiere reagieren hier sehr zurückhaltend und abwartend. Sie befinden sich in einer Art Erstarrungshaltung (Memo: fight flight freeze). Erst nach einer gewissen Zeit beginnen sie, Grenzen auszuloten, Dinge auszuprobieren. Sich schön langsam selbst zu zeigen, wie sie wirklich sind – wenn man ihnen dazu die Möglichkeit gibt und dafür Verständnis, Geduld und Akzeptanz aufbringt.

Nach einiger Zeit kommt dann der „wahre“ Kern heraus, da darf man dann nicht überrascht oder enttäuscht sein, wenn der Hund auf einmal anders ist als am Anfang. Das ist eine normale Entwicklung und eigentlich haben Sie dann alles richtig gemacht! Denn das ist auch ein Zeichen dafür, dass der Hund an Sicherheit und Selbstvertrauen gewonnen hat.


Welche Rechte und Pflichten habe ich als Adoptant?

Von der administrativen Seite her gibt es einen Übernahmevertrag (oft auch Schutzvetrag genannt), in dem sich der Adoptant gegenüber der vermittelnden Organisation zu verschiedenen Dingen verpflichtet. Das kann sehr unterschiedlich sein. Natürlich muss er sich wie jeder andere Tierbesitzer auch an die nationalen Tierschutzgesetze halten!

Vergessen Sie nicht auf die Registrierung in einer geeigneten Plattform (Zuordnung Chipnummer zum jeweiligen Besitzer), den Abschluss einer Haftpflichtversicherung sowie Anmeldung am jeweiligen Wohnort!

Dem Hund gegenüber habe ich die Pflicht, alles zu tun, damit er in Liebe, Geborgenheit und Sicherheit leben und möglicherweise schlechte Erfahrungen verarbeiten kann – und zwar ein ganzes Hundeleben lang!!

Was spricht eindeutig dafür, sich für Tierschutzhunde zu engagieren?

Gibt es irgendetwas, das dagegen spricht? Lebewesen in Not zu helfen ist für mich eine menschliche Pflicht – egal, ob sie sich auf zwei oder vier Beinen fortbewegen. Hunde haben für Menschen verschiedenste Funktionen übernommen. Sie sind Sozialpartner, Therapeuten, Jagdgefährten, Beschützer und Sport- bzw. Freizeitpartner. Sie sind extrem wertvoll für uns Menschen (zum Thema positive gesundheitliche Auswirkungen des Zusammenlebens mit Hunden gibt es ausreichend wissenschaftliche Belege). Es ist unsere Pflicht und Aufgabe, uns um diese Seelen zu kümmern – und uns ein Scheibchen von ihrem Lebensmut, ihrer Lebensfreude, ihrer Akzeptanz und dem Sanftmut abzuschneiden! Die Welt wird besser, wenn wir uns um Hunde aus dem Tierschutz bemühen.

Fotos: Doris Mitterer

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